Wiederherstellung der CE-Konformität

Retrofitting - Umbau von Altmachinen

Autor: Thomas Kramer-Wolf

Anlass: Referat am Deutschen Schneidkongress® 19.04.2018 in Essen

Ausgangssituation

Eine Modernisierung bzw. ein Umbau von Alt-Maschinen, Schneidtischen oder anderen Maschinen mit großem mechanischem Anteil, lohnt sich meist. Und das nicht nur aus Kostengründen. Der Beitrag zeigt die Vorteile gegenüber einer Neuanschaffung oder einem unveränderten Weiterbetrieb der Altmaschine. Im Übrigen wird die allgemeine Vorgehensweise bei einem CE konformen Umbau erläutert.

Zielsetzung

Ein Retrofit bietet sich vor allem für in die Tage gekommene Maschinen an, bei denen die Mechanik einen Großteil der Kosten ausmacht. Im Bereich der Schneid- und Trenntechnik ist der wohl typischste Vertreter das Schneidportal. Hier dominiert der Kostenanteil für die Mechanik häufig und kann durchaus bis zu 90% liegen. Aber auch für viele andere Maschinen- und Anlagentypen trifft dies zu. Häufig ist bei diesen nach 20 oder 30 Jahren die Steuerung nur noch für Historiker interessant, die Mechanik ist aber, selbst im Vergleich zu aktuellen Maschinen, praktisch gleichwertig. Damit ist auch schon die Grundidee geboren. Unter Beibehaltung der Mechanik wird die Maschine auf einen aktuellen Technologiestand gebracht. Damit lassen sich erhebliche Einsparungen gegenüber einer Neuanschaffung erreichen, weshalb derartige Umbauten sich praktisch immer lohnen.

Lösungsansatz

Schaltschrank: Vor und Nach Umbau
Schaltschrank: Vor und Nach Umbau (Quelle: T. Kramer-Wolf)

Der wohl wichtigste Aspekt ist die Wiederherstellung der Zuverlässigkeit der Maschine. Alte Steuerungselektrik ist irgendwann so verbraucht, dass Reparaturen fällig werden, welche dann aber mangels Verfügbarkeit von Ersatzteilen nicht mehr möglich sind. Ein zweiter Punkt ist die Erhöhung der Produktivität. Dies kann über modernere Sicherheitseinrichtungen möglich werden, welche Sicherheitsreaktionszeiten der Maschine verbessern oder bedienerfreundlichere Arbeitsabläufe ermöglichen. Echte Leistungserhöhungen im Sinne von schnelleren Antrieben, oder erhöhter Antriebsleistung, sind häufig mit Vorsicht zu genießen, da hierdurch der Aufwand des Retrofit massiv ansteigen. Was aber in jedem Falle möglich ist, ist durch aktuelle Antriebstechnik oder mittels einer überarbeiteten Hydraulik oder Pneumatik die Energieverluste zu senken und damit die Betriebskosten der Maschine. Leckagen werden dabei behoben und es können elektrische Antriebe mit höheren Wirkungsgraden zur Verwendung kommen. Natürlich kommen auch immer Umbauten aufgrund von geänderten Produktionsbedingungen vor. Weshalb neu kaufen, wenn die vorhandene umgerüstet werden kann? Praktisch als Gratiszugabe können derartige Umbauten auch moderne Kommunikationstechnik und I4.0 Technologien nutzen. Von Visualisierungs-Schnittstellen zur Leitebene über Touchpanels mit Anzeige der Produktivdaten bis hin zu VPN Schnittstellen für den Fernzugriff ist hier alles möglich was auch neue Anlagen bieten.

Insbesondere für das Management kann ein Retrofit auch für einen ruhigeren Schlaf sorgen. Das trifft besonders dann zu, wenn die Maschine in der Vergangenheit verändert wurde, es hierfür aber keine Dokumentation gibt. Die mit dem Retrofit einhergehende neue Dokumentation zur Maschine sorgt dafür, dass der sichere Betrieb der Maschine nicht nur tägliche Tatsache ist, sondern er auch rechtssicher dokumentiert ist.

Eine der häufigsten Fragen im Zusammenhang mit einem Retrofit lautet: Kann jede Maschine auf einen aktuellen Stand gebracht werden, egal wie alt, egal ob mit oder ohne CE? Leider ist diese Frage nicht pauschal mit ja zu beantworten. Als Faustregel gilt aber, eine Maschine, die derzeit sicher betrieben werden kann und darf, hat gute Chancen für ein Retrofit mit vertretbarem Aufwand. Ob die Maschine anschließend ein neues CE benötigt hängt von den individuellen Bedingungen ab. Dabei spielen Alter, Umfang des Umbaus und bereits vorhandene Dokumentation zur Maschine die wesentlichen Rollen. Maschinen die derzeit nicht in einem betriebsfähigen Zustand sind, können trotzdem Chancen auf eine Wiederaufarbeitung haben, allerdings ist hier immer eine individuelle Bewertung unerlässlich.

Wie läuft ein Retrofit praktisch ab?

Im ersten Schritt wird bewertet ob die Maschine zum aktuellen Zeitpunkt den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Dies hat der Betreiber sowieso regelmäßig im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu tun. Ist die Maschine vor dem Umbau in Ordnung dann steht einem weiteren Vorgehen nichts im Wege. Wurden in der Vergangenheit undokumentierte Änderungen durchgeführt oder ist der Zustand der Maschine fragwürdig oder gar nicht mehr sicher, dann ist zuerst ein sicherer und gesetzeskonformer Zustand herzustellen. Dies ist häufig der größte und schwierigste Teil eines Retrofit, denn nicht selten sind die Maschinen nach vielen kleinen und undokumentierten Umbauten in einem Zustand der den aktuellen rechtlichen und technischen Anforderungen nicht mehr entspricht. Hier ist viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl erforderlich.
Ist diese Hürde einmal genommen, so steht den eigentlichen Änderungen und Modernisierungen nichts mehr im Wege. Es können nun die Themenpaketen wie z.B. Elektrik, Sicherheitstechnik, Hydraulik oder Antriebstechnik in Angriff genommen werden. Bei geeigneter Planung und Dokumentation kann hier häufig auf eine erneute CE Konformitätserklärung verzichtet werden. Dies gilt praktisch unabhängig vom Alter der Maschine. Selbst bei sehr alten Maschinen, welche vor dem Inkrafttreten der Maschinenrichtlinie 89/392/EWG aus dem Jahre 1989 in Verkehr gebracht wurden, ist meist keine neue EU-Konformitätserklärung (neues CE) erforderlich. Die EU Konformitätserklärung würde, falls das Retrofit ungeschickt durchgeführt wird, eine komplette Neubetrachtung der Maschine erfordern. Das wiederum würde oft einen wirtschaftlichen Totalschaden darstellen denn eine solche Komplettbetrachtung ist in aller Regel nicht leistbar. Es lohnt sich also hier Sorgfalt walten zu lassen.

Bei guter Planung und Dokumentation lässt sich so für die meisten Maschinen auch nach vielen Jahren eine rechtskonforme Modernisierung erreichen. Je nach Anlage und Modernisierungswunsch sind dabei Einsparungen von 50 bis 90% machbar und ein Umbau somit praktisch immer lohnend.

Curriculum Vitae des Autors: Thomas Kramer-Wolf

Thomas Kramer-Wolf
Thomas Kramer-Wolf

 

Thomas Kramer-Wolf ist seit 30 Jahren in der Automatisierungtechnik als Elektroingenieur im Support und Vertrieb tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind dabei die funktionale Sicherheit von Maschinen, Kommunikationstechnik, Steuerungstechnik, Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine und die Normung. Derzeit arbeitet H. Kramer-Wolf als Fachreferent Safety/Maschinenbau bei Wieland-Electric und beschäftigt sich hier hauptsächlich mit der Beratungs- und Lehrtätigkeit, sowie der Arbeit in Normungs- und Verbandsgremien.

Kontakt Autor:

Verantwortlich für diesen Beitrag:

Thomas Kramer-Wolf
E-Mail: Thomas.Kramer-Wolf@wieland-electric.com

Bei weiteren Fragen, wenden Sie sich bitte direkt an den Autor Thomas Kramer-Wolf.


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