Digitalisierung im Zuschnittbetrieb - ein Erfahrungsbericht

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Systemlager für Bleche
Materiallager für Schneidanlagen für den Staplerbetrieb

Ertfahrungsbereicht zur Digitalisierung im Zuschnittbetrieb

Angeregt durch den Forumsbeitrag von Herrn Hoffmann "Besser "Industrie 3.0"" in der Hand, als "Industrie 4.0" auf dem Dach!" will ich, Johannes Steinbrück (Anm. d. R.), als ehemaliger langjähriger Technischer Leiter eines Zuschnittbetriebes, gerne meine Erfahrungen zur Digitalisierung weitergeben.

(aus Forum-Beitrag: Johannes Steinbrück / Gerhard Hoffmann vom 10.08.2018)

Unser Digitalisierungs-Ziel Mitte der 2000er war es, den Mitarbeitern an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen exakt die Informationen zur Verfügung zu stellen, die sie für eine reibungslose Ausführung ihrer Tätigkeit brauchen. Im Gegenzug sollten Vertrieb, Materialwirtschaft und Produktionsplanung & -Steuerung die Rückmeldungen aus der Werkstatt und dem Blechlager bekommen, die sie für eine schnelle Reaktion bei Fragen oder Problemen benötigen.

Digitalisierung also nicht primär für das Controlling der Prozesse, denn dies bringt dem Kunden keine Vorteile. Sondern Digitalisierung, um den Auftragsdurchlauf „in time“ für jeden Mitarbeiter (und teilweise auch A-Kunden) transparent zu machen.

  • Überblick über Maschinenbelegung,
  • Bearbeitungsfortschritt,
  • Lagerbestand sowie
  • Bearbeitungsstand der Anarbeitung und der kompletten Versandabwicklung, das sollte das Ziel sein.

Diese bewusste Entscheidung zu einer kundenorientierten Digitalisierung war uns deswegen wichtig, weil es den Aufwand z.B. der Maschinendigitalisierung wesentlich beeinflusst. Auch wir hatten alte Maschinen und wollten diese nicht wegen der Digitalisierung austauschen. Und selbst das Nachrüsten moderner Maschinen mit einer entsprechenden Maschinendatenerfassung MDE war uns teilweise zu kostenintensiv, bezogen auf den von einer MDE generierten Nutzen für unseren Zweck. Wir haben zwar testweise einzelne Schneidmaschinen mit einer MDE ausgerüstet, für unsere Zwecke erwies sich diese Investition aber nicht als zielführend und wurde somit auch nicht adäquat genutzt.

Deswegen sind wir zu der für uns sinnvolleren Strategie übergegangen, alle Daten zu nutzen, die uns ohne viel Aufwand und ohne zu hohe Investitionskosten aus dem vorhandenen ERP- und Schachtel-System zur Verfügung stehen. Ergänzend werden nur die Arbeitsschritte per Barcode, QR-Code, Transponder o.ä. an- oder abgemeldet, die einen sinnvollen Beitrag zur Auftragstransparenz beisteuern, bzw. für weitere Planungen relevant sind.

Und das ist das Ergebnis der ersten Digitalisierungsmaßnahme im Lohnzuschnitt

  • Der Vertrieb hat den vollen Überblick über den Auftragsbestand mit zeitgleich mehr als 2000 Auftragspositionen, sowie Fertigungsstand jeder Position, Kapazitäten der Arbeitsplätze und Lagerbestand inkl. Blechkonturen und Reservierungen.
  • Der überwiegende Teil der zu schneidenden Konturen wird mit automatisch angelegter Schneidkontur an die Produktionsplanung & -Steuerung übergeben. Diese gibt die teilautomatisiert erstellten und eventuell optimierten Schachtelpläne zur Fertigung frei. Die freigegebenen Fertigungsaufträge werden im Lager, an den Maschinen und an den nachfolgenden Arbeitsplätzen angezeigt.
  • Die Arbeitsplätze wie CAD, Nesting, Lager, Schneiden, Transport, Anarbeitung usw. melden fertige Arbeitsgänge zurück. Einige wenige Arbeitsgänge werden wegen der Zeitermittlung, z.B. für Lohnarbeiten, komplett und detailliert an- und abgemeldet.
  • Der Versand weiß per Tracking wo sich die Teile in der Fertigung befinden, erstellt Ladelisten und löst den Lieferschein aus. Je nach Kundenwunsch inkl. Zeugnissen und E-Mail-Benachrichtigung an Kunden oder intern.
  • Die Materialwirtschaft kennt durch eine zeitnahe Rückmeldung der (Rest-)Blechkonturen den aktuellen Blechbestand inkl. der angefallenen Rest-Ausschnitte.

Weitere sich daraus ergebende positiven Nebeneffekte lassen sich gar nicht alle aufzählen:

  • wie z.B. Vereinfachung der Zeugnisverwaltung und Abnahmen,
  • vorausschauende Personalplanung auf Grund geschickter Datenauswertung,
  • weitgehendst papierlose Prozesse,  
  • Rückfragen zu Änderungen oder Terminen direkt in den Positionen,
  • Aufkleber-Erstellung an den Maschinen,
  • permanente Inventur des Lagers und des Auftragsbestandes
  • u. v. m.

So konnte mit überschaubarem Aufwand und einem zum Teil alten Maschinenpark eine sehr effektive Digitalisierungs-Strategie umgesetzt werden.

Worauf muss man bei der Digitalisierung besonders achten? Tipps zur Umsetzung:

Im Laufe der Zeit und bei dem Austausch mit anderen Unternehmen haben sich für mich ein paar Faktoren herauskristallisiert, die man bei der Digitalisierung nicht außer Acht lassen sollte:

  • Der Sinn und Nutzen der Digitalisierung muss klar sein. Wer nicht weiß, was er mit der Digitalisierung bezwecken will, sollte diese Überlegung unbedingt angehen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck.
  • Das Unternehmen sollte genau überlegen, ob es das Projekt alleine durchführen kann und will. Die Kernkompetenz eines Zuschnittbetriebes ist nicht die Digitalisierung. Entsprechend sind auch nicht immer die Möglichkeiten der Digitalisierung und deren Umsetzung bekannt. So ein Projekt kann schnell viel Zeit und noch mehr Lehrgeld kosten.
  • Aber Achtung, Berater oder Softwarefirmen haben nicht immer die nötigen operativen Kenntnisse aus der Blechverarbeitung oder dem Zuschnittbetrieb. Hier sollte man also genau hinschauen.
  • Den Mitarbeitern sollte man viel zutrauen. Alle (!) Mitarbeiter des Unternehmens ziehen zumeist mit viel Engagement mit, wenn sie aktiv in die einzelnen Teil-Projekte eingebunden werden. Zumindest habe ich es nie anders erlebt und wurde oft sehr positiv überrascht.
  • Konstruktive Konflikte aktiv angehen. Digitalisierung ist auch Reflexionsarbeit:
    • Was machen wir wo, wann und wie lange?
    • Warum machen wir das so?
    • Was ist überflüssig und was stört die Strukturen?
    • Wer macht was und wo wird manches doppelt und dreifach gemacht?
    • Hier sollte man mutig und konsequent eventuelle Unklarheiten, Konflikte und Missverständnisse anpacken. Es lohnt sich.

Das Projekt muss jemand im Unternehmen leiten, umsetzen und später betreuen. Manchmal hat man Talente für solch eine Aufgabe im Unternehmen und weiß es nicht. Also einfach mal nachfragen.

Womit startet man zuerst bei der Digitalisierung?

Welche Maßnahmen als erste ergreifen?

Die wichtigsten Maßnahmen sind aus meiner Sicht:

  • Tun
  • Tun
  • Tun

Für alles gibt es Hilfe und Unterstützung und Beispiele. Nur der erste Schritt muss jedes Unternehmen selber machen, nämlich sich bewusst dazu entscheiden, mit der Digitalisierung zu beginnen……und es dann auch tun.

Soweit meine persönliche Erfahrung aus dem operativen Bereich des Schneidbetriebes mit Digitalisierung.

Johannes Steinbrück

Was sind die Hindernisse bei der Umsetzung der Digitalisierung?

Auch Digitalisierung kostet am Ende Geld!  Die Exceldaten im PC der Arbeitsvorbereitung (AV) kommen nicht von allein zum PC des Vertriebs. Hier sind Schnittstellenprobleme zu lösen und damit auch Softwarekosten fällig.

Das Ziel jeglicher Digitalisierung muss es sein, alle Exceltabellen und analoge oder digitale Notizzettel aus dem Arbeitsfluss zu verbannen. Immer wenn etwas im Arbeitsfluss Exceltabellen und Notizzettel erforderlich macht, um Informationen weiterzugeben, sollte dies umgehend abgelöst werden.

Excel ist ein Werkzeug, mit dem man Auswertungen machen kann, die einem spontan mit anderen Mitteln nicht zur Verfügung stehen. Klar kann man mit Excel mehr machen als nur Tabellenauswertungen, aber diese Funktionen werden nach meiner Erfahrung recht selten für die Produktions-Planung und -Steuerung verwendet. Kurzum, Excel hat in der Arbeitsvorbereitung nichts zu suchen! Excel muss so abgelöst werden, dass alle Daten, und die daraus gewonnenen Informationen, jedem zur Verfügung stehen können, aber zentral verarbeitet, ohne dass Doppeleingaben oder sich widersprechende Informationen vorhanden sind. Wenn in der Arbeitsvorbereitung noch Daten eingegeben werden müssen - selbst das ist im Detail zu hinterfragen - müssen diese Daten zentral zur Verfügung stehen.

Digitalisierung kostet am Ende Geld. Die Schnittstellenprobleme müssen gelöst werden und Kosten für neue Software fällt auch an. Aber die im Anfangsbeitrag (s.o.) beschriebene Investition in Digitalisierung amortisiert sich so schnell, dass sich schon in kürzester Zeit deutliche Ersparnisse an Zeit und damit auch an Geld einstellen. Als Nebeneffekt spart man auch viel Nerven, das sollte man nicht unterschätzen, so meine Erfahrung. Wir reden immer noch von Nutzung des Vorhandenen mit Ergänzung von sinnvollen Digitalisierungstools. Schnittstellenprobleme sehe ich eher selten, da die heute verwendeten ERP- und Schachtel-Systeme, sowie ergänzende Insellösungen, überwiegend einen Zugriff auf ihre Datenbanken zulassen, sodass die Daten problemlos ausgelesen und weiterverarbeitet werden können. Auch das Zurückschreiben in „fremde“ Datenbanken ist aus meiner Erfahrung zumeist unproblematisch.
Solche „Schnittstellen-Probleme“ lösen gute Programm-Entwickler heute recht schnell, sehr zuverlässig und störungsfrei.

Was ist das größte Hindernis?

Ein weiteres großes Hemmnis ist aus meiner Sicht, dass es keine Software-Standardlösungen gibt, die man kauft, aufspielt und fertig. Es gibt nur wenige Software-Anbieter, die die Abläufe in der Blechverarbeitung kennen und diese auch sehr umfangreich abbilden können. Aber auch diese Lösungen passen nicht immer. Einige Blechverarbeiter leisten sich ganze Berater- und Entwicklerteams, die nichts anderes machen, als sich nur mit Digitalisierung im eigenen Unternehmen zu beschäftigen und diese umzusetzen.

Dann gibt es noch die Blechverarbeiter die sich Hilfe und Unterstützung von außen holen. Dazu bemerkte ich schon oben warnend: „Berater oder Softwarefirmen haben nicht immer die nötigen operativen Kenntnisse aus der Blechverarbeitung oder dem Zuschnittbetrieb. Hier sollte man also genau hinschauen.“

Das allergrößte Hemmnis ist aber wohl doch letztendlich die eigene Courage, sich bewusst zu entscheiden, mit der Digitalisierung zu beginnen……und es dann auch konkret zu tun!

Warum haben so viele Unternehmen diesen Stand bisher noch nicht erreicht? Wollen Unternehmen eventuell gar keine Transparenz?

Warum viele Unternehmen den Stand (noch) nicht erreicht haben, habe ich versucht mit der letzten Frage zu beantworten. Viele Unternehmen scheuen diesen „notwendigen“ Schritt, weil er kompliziert ist und sie ihn oft „auf später“ verschieben. Dies aber dann mit dem Ergebnis, dass sie sich womöglich schleichend in der immer komplexer werdenden Fertigungswelt ver(w)irren, bis nichts mehr geht.

An der Transparenz liegt es aus meiner Sicht nicht. Zumindest habe ich dies noch nie als Ausschlusskriterium für die Digitalisierung wahrgenommen. Und selbst wenn, es wäre völlig unbegründet, da man durch entsprechende Rechtevergaben in jeder Software jedem nur das anzeigen muss, was erforderlich ist bzw. was man anzeigen will. Und will man z.B. dem Kunden gegenüber intransparent bleiben, dann macht man das eben.

Sollte Ihre Frage aber auf eine problematische Transparenz hinsichtlich der Auswertung der angefallenen Daten hinauslaufen, um eventuelle Rückschlüsse auf geleistete Arbeit zu ziehen, ja, das kann problematisch werden.

Aber das ist kein Problem der Digitalisierung, sondern eine Frage an die Unternehmenskultur. Dort wo vertrauensvoll zusammengearbeitet wird und jeder im Unternehmen weiß, was mit den Daten geschieht und welche Daten zu welchem Zweck aufbereitet werden, dort ist Transparenz nach meiner Erfahrung kein Problem. „Unternehmenskultur“ gehört unter anderem zu der oben angesprochenen Reflexionsarbeit, die Digitalisierung zwangsläufig mit sich bringt.

Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen an meine Erfahrung einigermaßen beantworten. Das muss selbstverständlich nicht allgemeingültig sein. Bestimmt gibt es auch andere Erfahrungen,

Johannes Steinbrück

FAQ Digitalisierung
„Kleiner Dienstweg“ vs. Digitalisierung

Wenn es zukünftig den „kleinen Dienstweg“ nicht mehr gibt, bleibt mancher Kundenwunsch unerfüllt?

Solange es die Blechverarbeitung gibt, gibt es den „kleinen Dienstweg“. Niemand kann ihn genau beschreiben und in Prozesshandbüchern sucht man ihn vergeblich.

Und trotzdem finden sich immer wieder talentierte Mitarbeiter, die Ideen haben, wie man abseits aller Regeln und Prozessbeschreibungen diesen Weg sehr effizient beschreitet. Was dann manchmal aussieht wie „chaotisches Gewurschtel“, ist tatsächlich der geniale Umgang mit komplexen Aufgabenstellungen.

So werden scheinbar unlösbare Kundenwünsche in kürzester Zeit mit links gelöst. Manches Unternehmen vertritt vehement die Ansicht, dass der „kleine Dienstweg“ und die Digitalisierung nicht zusammenpassen. Dass die Digitalisierung noch restriktivere Regeln und Prozesse verlangt. Dass man sich mit der Digitalisierung den „Ast der Flexibilität“ absägt.

Dazu ein paar Ideen, wie der „kleine Dienstweg“, also die Wertschöpfung der Ausnahme, und die Digitalisierung sich ergänzende und effiziente Partner werden können:

  • Den „kleinen Dienstweg“ als komplexen und selbstverständlichen Bestandteil der Organisation akzeptieren! Auch zukünftig wird ein großer Teil einer Unternehmens-Organisation hervorragend mit Regeln und Prozessbeschreibungen funktionieren, aber immer weniger.
  • Geschäftsprozess-Beobachtung durchführen!
    Was wird wann, von wem, wie abseits von Prozessen oder Regeln unternommen, damit der Kunde das bekommt, was er benötigt. Dabei geht es nicht darum, das Einhalten von Prozessen oder Regeln zu kontrollieren. Es geht um die Beobachtung, was tatsächlich durchgeführt wird. Einfach mal den „kleinen Dienstweg“ aktiv und aufmerksam mitgehen.
  • Was nach Regeln gut funktioniert, so belassen. Alles prüfen, das Gute behalten. Regeln sind nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Dort wo sie funktionieren, sind sie das Mittel der Wahl!
  • Was nicht nach Regeln funktioniert, nicht in Regeln pressen. Stattdessen beschreiben, wie und warum auch komplexe Kundenanforderungen an den vorhandenen Regeln und Prozessbeschreibungen vorbei funktionieren (Roadmap vom „kleinen Dienstweg“, s. 2.).
  • Vorhandene Werkzeuge wie ERP-System, Schachtelprogramm, Blechverwaltung und Insellösungen daraufhin prüfen, ob sie in der Lage sind, so miteinander zu kommunizieren, dass sie auch die komplexen Anforderungen und Wege der Ausnahmen abbilden können.
  • Einzelne Software-Werkzeuge so miteinander verbinden, dass gleiche Daten nicht mehrfach an unterschiedlichen Orten verwaltet werden müssen.
  • Ideen bei anderen Unternehmen holen. Auch wenn sie nicht 1:1 auf das eigene Unternehmen übertragbar sind - Ideen erzeugen Ideen.
  • Weg von dem Gedanken, dass es allumfassende digitale Lösungen von der Stange gibt. Die gibt es nicht!
  • Gegebenenfalls effektivere Software-Lösungen ergänzen, ersetzen oder sich individuell anpassen lassen.

Blechverarbeitung ist nicht trivial, Blechverarbeitung ist hochkomplex und wird immer dynamischer!

„Kleiner Dienstweg“ und Digitalisierung sind dabei keine Gegensätze, sondern hervorragende Partner bei der Erfüllung von Kundenwünschen!

Johannes Steinbrück

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